Project Description

Eine schöne und kuriose Geschichte…

2009 war ein sehr schönes Jahr.Vor 11 Monaten war ich aus Australien zurück gekehrt und hatte seitdem meine neue Stelle als Krankenschwester in der Klinik um die Ecke. Der Sommer war heiß und großartig. Ich wohnte über unserer Stammkneipe, dem „Dilldapper“, in Bayern und meine Wohnung war ständig von meinen übrig gebliebenen Freunden besetzt, die ihren Heimweg vom Feiern nicht mehr schafften.

Und…ich war bis über beide Ohren sehr verliebt. Leider ist das alles sehr unglücklich gelaufen.

Für mich persönlich war das so etwas wie ein Wendepunkt in meinem Leben. Es war Ende November und ich wollte die Flucht ergreifen, raus, Tapetenwechsel, vor meinen Problemen davon rennen, darin bin ich großartig… Hals über Kopf entschloss ich nach Spanien zu gehen, beantragte unbezahlten Urlaub, suchte einen Nachmieter für meine 1-Zimmer Wohnung, verkaufte meine Möbel und sämtlichen Krimskrams über Facebook.

Meine Mutter rief an:-„Was machst du?“

Ich:-„Ich pack mein Auto für Spanien!“

Sie: -„Du kannst kein Spanisch, was willst du dort machen? -Hast du soviel Geld?“

Ich: -„Mist, ich wusste es gibt einen Haken, ne, ich hab kein Geld, ich hab ne Tankfüllung, alles andere muss ich noch schauen.“

Oh je, wieder eine undurchdachte „Tanja-Hau-Ruck-Aktion“. Ich setzte mich an den Laptop und googelte „Jobs in Barcelona ohne Spanisch-Kenntnisse“ – Ergebnis: „AU Pair“. Ich fragte mich kurz, ob ich dafür mit 25 nicht zu alt wäre, schmiss den Gedanken aber dann gleich wieder über den Haufen, weil es mir als die einfachste Lösung erschien. Job, Taschengeld, Dach über den Kopf. Ein Anruf bei der Familie, und alle offenen Fragen waren geklärt. Es konnte los gehen.

In der ersten Januarwoche 2010 fuhr ich mit meinem Passat mit Matratze auf der umgeklappten Rücksitzbank, einer durch den Zigarettenanzünder betriebenen Kühlbox, und den nicht verkauften Dingen meiner Wohnung nach in Richtung Freiburg. Ich wollte auf dem Weg meinen Lieblings-Flugnachbarn vom Korea-Frankfurt-Heimflug Martin besuchen ( siehe Bericht Australien!-folgt!), eine Mitfahrgelegenheit von hier inserieren und dann nach „Barcelona/Sant Vicenc de Montalt“ zur Gastfamilie fahren.

Es meldete sich eine Frau, die ich ab dem Freiburger Bahnhof mit nach Narbonne/ Südfrankreich nehmen sollte. Ich fragte sie, wie ich sie erkennen könnte, sie sagte: „Lila Mantel, lila Hut!“

13 Uhr fuhr ich los, die gute Dame war 74 Jahre alt und hatte ihre 95 jährige Mutter in der Schweiz besucht, die sie freundlicherweise mit Fischkonserven und Fischbrötchen in allen Variationen versorgt hatte: Hering in Tomatensosse, Rollmops in Essig, Brathering in Chili-Zwiebelsosse eingelegt, Lachs auf Brötchen, Thunfisch in Öl…

Es stank bestialisch, und Fenster öffnen ging nicht lange, weil sie, wie sie sagte, sich sonst einen „Zug holt“.

Wir fanden einen Kompromiss, ich kaufte ihr ein Brötchen an der Tanke, und sie liess die Dosen geschlossen.

Sie erzählte mir, dass sie ihren Lebensgefährten auf der Arbeit kennengelernt hatte. Sie war bis vor 12 Jahren Bewährungshelferin, ihr Freund saß wegen Totschlags, sie war sich aber sicher, dass das alles „halb so wild“ war. Ihren Job dort verlor sie, als sie ihn im Knast mit Drogen versorgte und aufflog. Jetzt ist sie Besitzerin einer kleinen Gärtnerei in einer Hippie-Kommune in Frankreich und lebt dort sehr glücklich. Ich bin mir sicher, sie kümmert sich dort nicht nur um Apfelbäume. 🙂

Gegen 18 h fragte sie mich, ob wir es bis 19 Uhr nach Narbonne schaffen würden, da sie weiter mit dem Zug nach Hause nach Carcassonne müsse. Ich sagte ihr:“Natürlich nicht, davon war ja nie die Rede…“ Ich hatte damals kein Navi und fragte, ob das weit von Narbonne entfernt ist. Sie meinte, „knapp 10 Minuten“ Ich beschloß, sie heim zu fahren. (Sauber verarscht zwischen Narbonne und Carcassonne liegen 63 km). Sie meinte, sie kenne den Weg. Es war dunkel und sie leitete mich auf einen abgelegenen Feldweg. Es wurde etwas unheimlich und ich dachte schon, uns erwartet hier jederzeit ihr Freund in einer dunklen Ecke für einen gemeinsam ausgetüftelten Komplott. Wir verfuhren uns immer mehr, es dauerte eine Ewigkeit, bis wir bei ihr zuhause ankamen.

Ich fuhr weiter Richtung Spanien, wollte eigentlich bis Barcelona durchfahren, doch nach Girona überwältigte mich die Müdigkeit und ich suchte mir ein Motel um dort zu übernachten.

Blöd nur, dass ich ein paar Abende zuvor den Horrorfilm „Motel“ gesehen hatte, und es hier viele Übereinstimmungen gab, die mich nicht sonderlich ruhig schlafen liessen. Der Manager sah dem im Film zum Verwechseln ähnlich, ich war der einzige Gast, es polterte trotzdem, in der Ecke hing der Fernseher mit Videorekorder, ich beschloss die Kassette im Recorder nicht abzuspielen, … Ich hätte mir beinahe in die Hose gemacht.

Am nächsten Tag fuhr ich weiter nach „Sant Vicenc de Montalt“, einer kleinen katalanischen Gemeinde in der Provinz Barcelona im Nordosten Spaniens. Nach etwas mehr als einer Stunde kam ich in diesem Vorort an, in dem ich die nächsten Monate verbringen sollte. Ein Haus glich dem anderen, als hätten alle Einwohner beim Ziegelkauf für einen Rabatt eine Sammelbestellung gemacht.

Die Familien, die hier wohnten waren alle sehr wohlhabend, zumindest war das das Bild, dass sie nach aussen trugen.

Jeder hatte eine Nanny oder ein Au Pair. Doch meine Familie hatte definitiv die verzogensten Rotzbälger von allen. Ada (4), Ferran (6) und Maria (8) waren meine Aufgabe der nächsten Wochen. Man merkte gleich- auch ohne Spanisch zu können, dass sie austesteten, wie weit sie gehen konnten. Das Papier vom Eis wurde auf den Boden geworfen, nach dem Motto“ ich bin fertig, du kannst es wegräumen… “ -Alter, da habt ihr euch die Falsche ausgesucht. Auch ich ging hier zur Schule und konnte schnell die wichtigsten Sätze bilden um die Kinder zu bändigen. Motzen geht witziger Weise in allen Sprachen von Anfang an am Besten, und auf Spanisch klingt es sogar noch schön.

Mein Tagesablauf war folgendermassen:

7h aufstehen, den Kindern je ein Glas frischgepressten Orangensaft zubereiten, den ich jeden Morgen selbst trinken durfte, weil sie ihn nicht mochten- der Vater bestand aber drauf. Brote schmieren, die sie nie assen.

7.30h die Kinder wecken, Ada vom Spiegel zerren, weil ihr morgendliches Ritual darin bestand, sich vor dem Spiegel zu sagen, dass sie unglaublich schön ist und das süsseste Kind Spaniens.

8h, die Kinder zur Schule fahren, täglicher Streit ums Anschnallen, aussteigen, zu Fuss den Berg hoch, Gejammer der Kinder anhören, der Rucksack sei zu schwer, zu spät in der Schule ankommen, den Lehrern erklären, es sei nicht meine Schuld, das die Kinder kein Benehmen hätten und im Auto bei der Fahrt aufstehen würden.

Kaffee holen, selbst zur Schule, danach leckeres Essen auftauen, dass die Eltern vorbereitet hatten, dann doch „Macaroni con Tomate“ zubereiten, da das das Einzige war, was sie anstandslos assen, selbst das leckere Essen der Eltern essen, die Kinder abholen, Berg runter laufen ging weitaus einfacher.

Mit Ferran eine Runde Basketball um den Abwasch spielen, die Kinder zu ihren unzähligen Nachmittagsaktivitäten bringen, Feierabendbier im Clubhaus mit den Mädels aus der Schule (die einzige Bar dort).

Die Wochenenden verbrach ich meist in Barcelona beim Feiern, oder am Strand in Sant Vicenc und pennte dann im Auto, um frei zu haben, die Kinder juckte das natürlich nicht, das die Wochenenden mir gehörten. Die beiden anderen sehr jungen Au Pair Mädels vom Dorf wollten immer in den angesagtesten Club nach Mataró, doch da war ich so fehl am Platz wie eine Nonne im Puff.

Was ich an Barcelona liebe. 

Ich liebte, die kleinen Gassen rund um die Basilika Sagrada de Familia. Meist stieg ich an der Haltestelle Arc de Triomf aus und lies mich von hier durch die Stadt treiben, dort gab es in einer kleinen Seitenstrasse die besten und leckersten Churros der Stadt. Ein kleiner Laden, in dem immer nur 2 Leute am Tresen platz fanden, die Churros (iberisches Fettgebäck) werden in flüssige Schokolade getaucht, dazu obendrauf Sahne, ich schätze mal auf 7000 Kalorien, die es durchaus Wert sind 🙂 Barcelona kann man gut zu Fuss erkunden. Der bezaubernd schöne Park Güell mit seinem unglaublichen Ausblick auf die Stadt, die bunten einzigartigen Mosaikkunstwerke, grandiose Architektur und schön bepflanzter Park treffen hier aufeinander. Der Eintritt ist hier kostenfrei, nur für wenige einzelne Besichtigungen im Park muss man bezahlen. Der Besuch ist unbezahlbar, oft habe ich hier in der Sonne meine freien Wochenenden verbracht und auf die Stadt geschaut. Die Sagrada Familia hab ich nur von aussen bewundert, zu lang waren die Warteschlangen. Der schöne Passeig de Gracia. Überall sind hier Gaudis Werke zu bestaunen , rundum die Ramblas mit ihren Künstlern, Tapas essen und Wein trinken in Barceloneta.

Das Viertel „Barceloneta“ befindet sich östlich der Ramblas in Richtung Strand. Hier gibt es eine kleine urige Bar „Bar Jaica Tapas“ mit gemischtem Publikum, vor allem Einheimischen Leuten. Die Tapas sind megalecker. In vielen Bars bekommt man auch kostenlos Tapas zu Getränken gereicht, man kann ganz schöne Schnäppchen machen, wenn man das weiss und nachfragt.

Der Strand ist für einen Stadtstand ganz schön, nur an heissen Tagen sehr überfüllt. Den Hafen mochte ich persönlich nicht so gerne. Besonders gefiel mir Viertel „Barrio Gotico“, das im gotischem Stil gebaut ist . Es ist schön sich hier von der Stadt treiben zu lassen und von Gasse zu Gasse zu schlendern.

Die Katalanen sind eigen, mit dem Spanisch aus der Schule kam ich nicht weit, sie antworteten auf Catalan. Mir waren persönlich die Leute aus anderen Gegenden Spaniens freundlicher gegenüber.

Kurioser Weise, roch ich zu jeder Zeit, wenn ich zurück in mein Zimmer im Hause der Familie kam, den stechenden Geruch des Aftershaves von Diego, dem Grossvater der Familie. Auch fiel auf, das die Anzahl meiner Unterhosen sich stetig minimierte. Ich hatte ständig den Eindruck, jemand beobachtet mich durchs Fenster meines ebenerdigen Zimmers, wenn ich aus dem Fenster blickte, stand dort Diegos silberfarbener BMW.

Es war Ende März -mein Spanisch verbesserte sich zunehmend, und ich führte ein Gespräch mit der Mutter der Familie und fragte auch, warum sie so dringend Anfang Januar so schnell ein neues Au Pair gesucht hatten und warum hier so ein stetiger Wechsel der Mädchen ist. Ich fand die Nummer des Au Pairs vor mir raus, die mir mitteilte, das „Diego“ ihr für einen Blow-Job 300€ bot und sie in sein Ferienhäuschen einlud, -ob er mir sowas auch anbot, weiss ich nicht, da mein Spanisch zu diesem Zeitpunkt zu mies war.

Der Mutter war durchaus bewusst, was für ein perverser Sack ihr Schwiegervater war, doch das wurde so hingenommen, da es der Grossmutter das Herz brechen würde, wenn sie wüsste, was ihr Ehegatte für eine Drecksau ist. Ich fand das ganz schön gruslig, das vor mir hier 18 Jährige Mädels bewusst dieser Situation ausgesetzt waren, wer weiss, wie selbstbewusst sie dem Opa mit einem klaren „Nein“ entgegentreten konnten. Auch war mir unklar, wie „nett“ er tatsächlich zu den Kindern war, wenn niemand der Erwachsenen im Raum war. Ich stellte die Familie vor eine Bedingung, das Problem der Situation zu lösen, oder ich sei in 3 Tagen weg. Die Eltern waren begeistert davon, wie ich mit den Kindern umging, das sie plötzlich den Tisch deckten, aufgeräumte Zimmer hatten, Umgangsformen an den Tag lagen, sich Abends widerstandslos ins Bett bringen liessen… Die Mutter versprach mir, ihm den Schlüssel des Hauses wegzunehmen und die Oma aufzuklären. 2 Wochen ging das gut, die Dienstagsbesuche der Grosseltern entfielen, die Anzahl meiner Unterhosen blieb gleich, niemand am Fenster und der Geruch im Zimmer war auf meinen Eigenen beschränkt. Dann stand er plötzlich wieder in meinem Zimmer.

Ich rief die Mutter an, sagte ihr, ich werde heute Nachmittag die Kinder von der Schule abholen, sie den Nachbarn übergeben, packte meine Sachen ins Auto, und fuhr los.

Ich hatte die Wahl- auf meinem Konto war gerade mal die Summe, die ich für den Sprit nach Hause benötigte, ich könnte pokern und auf einen Job hoffen und solang im Auto schlafen, im Meer baden oder zurück nach Hause fahren. Ich entschied mich dafür es zu versuchen, ging in Barcelona von Bar zu Bar, von Hostel zu Hostel und fragte nach Jobs, fragte in einer Au Pair Agentur an und schilderte dort gleich den Vorfall in der Familie, dass sie sich drum kümmern sollten.

Nach 5 Tagen, beschloss ich zurück nach Deutschland zu fahren. Ich tankte meinen Passat voll, ich war ganz links auf der Überholspur der 3-spurigen Autobahn unterwegs, bereits hinter Girona, kurz vor der französischen Grenze, als ich gerade „Jack Johnson“ ins CD Fach einlegte, kam plötzlich gewaltiger Rauch aus der Motorhaube, die Leute um mich rum hupten. Ich versuchte nach rechts zu wechseln und konnte fast nichts mehr sehen. Auf dem Seitenstreifen hielt ich an, versuchte mein Hab und Gut über die Leitplanke zu werfen, und versteckte mich selbst mit den Armen über dem Kopf verschrenkt dahinter, bis es kurz und mächtig knallte, eine riesige Stichflamme aufstieg und mein weisses schönes Auto angekokelt vor mir stand.

Vor Problemen davon laufen klappt wohl nur, wenn man sie dafür gegen Neue eintauscht. Keine Sau hielt an und fragte, ob man helfen könne.

Ich rief die Polizei und fragte:

-„Habla ingles?“ (Sprechen sie Englisch?)

-„No“

-„Fuck!“ Dann klang das etwa so: „Tengo un problem con mi coche, muy fuego, muy caliente, autopista Girona-Frances. Necesito ayuda! Rapido por favor!“ ( „Habe ein Problem mit meinem Auto, viel Feuer, viel heiß, Autobahn Girona-Frankreich. Brauche Hilfe. Schnell bitte“ ) Verbindung abgebrochen, Akku leer. Oh je, ob sie mein mieses Spanisch verstanden hatten?

Nach knapp 3 Stunden kam die Polizei, und sagte nur, „Oh, da können wir nichts machen, wir holen jemanden zum abschleppen.“

Und schon waren sie wieder weg und lesen mich zurück. Nach weiteren 2 Stunden kam der Abschleppdienst.

Sie waren fasziniert, was alles in einen Passat passte, erst beluden wir das Auto mit den Dingen, die ich hinter die Leitplanke geworfen hatte, dann kam mein Auto auf die Ladefläche des Abschleppfahrzeugs.

Sie brachten mich an die Grenze zu Frankreich. Als ich ankam sagten mir die Jungs aus der Werkstatt, „wir kümmern uns nach der Mittagspause darum“.

Siesta- weitere 2 Stunden. Kippen und Geldbeutel waren im Fahrzeug. So sass ich nun am Bürgersteig.

Als sie aus ihrer Mittagspause zurückkehrten, öffneten Sie die Motorhaube und sagten „Oh, das Auto ist kaputt, da kann man nichts mehr mit machen, ausser verschrotten.“ „Ach ne“, für die Info hatte ich jetzt so lang gewartet?

Ich war Gott sei dank beim ADAC, ich rief an und fragte was zu tun war, und sie waren einfach grossartig. Ich verstaute mein Hab und Gut in Kartons, schreib meine Adresse drauf und sie schickten alles nach Hause, auch meine Nummernschilder und den Verschrottungsbescheid. Ich durfte wieder zurück nach Barcelona mit dem Zug, dort wurde mir ein Hotel gestellt, ich wurde am nächsten Tag zum Flughafen gebracht und mit wurde der Flug nach Hause bezahlt. Ich kann nur jedem raten, gerade wenn man so eine Karre hat, beizutreten.

Ich hatte Glück und konnte meinen alten Job sofort wieder anfangen und zog in die Wohnung einer Freundin, die sich eine Wohnung gekauft hatte.

Ok, vielleicht klingt das für viele nach einem Horrortrip, ich habe gebraucht und es war dennoch eine sehr schöne Zeit.

Was ich daraus gelernt habe? „Tanke niemals ein altes Auto randvoll.“